LitV-Redaktion

Das AGP-Archiv

Einleitende Bemerkungen

2004 erschien im Asanger Verlag ein Buch von Markus Dieth unter dem Titel: »Die Sehnsucht nach dem Knaben. Die männliche Zuneigung zu Knaben aus individualpsychologischer Sicht«. Das »homopädophile Empfinden« wird zum Anwendungsfall einer obskuren Theorie: womit ihr Begründer, Alfred Adler, einst Homosexualität erklärte (und stigmatisierte), erscheint auf Pädophilie gemünzt durchaus wieder brauchbar. Homopädophilie, so das Fazit des Autors, sei nichts anderes als eine Symptombildung, die die Funktion habe, Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren.


Nicht nur "Junk Science":
Wissenschaftliche Werke zitieren
inzwischen ausgiebig "Pädo-Literatur"

Um seine These(n) zu "verifizieren", stützt sich Dieth in Ermangelung echter Empirie vor allem auf Fachliteratur. Das Dilemma vieler psychologischer Deutungstheorien wird bei ihm vollends offenbar: als idée fixe mißachtet sie Kontexte, entleert den kritischen Gehalt von Aussagen, mißinterpetiert sie in den logischen Ruin. In der Regel steuert ein bestimmtes Deutungsmuster die Selektion nach zitierfähigen/nicht-zitierfähigen Autoren. Bei Dieth ist das nur bedingt der Fall. Die Ambition, alle(s) unter (s)einen Hut zu kriegen, führt ihn zu krassen Mißinterpretationen und Fehlurteilen.

Logische und methodische Defizite sind ein Kennzeichen vieler Arbeiten zum Thema, da hilft auch ihre wissenschaftliche Gewandung nichts. Bemerkenswert an Dieths Buch ist indes eine Perspektivverschiebung. Er präsentiert Aussagen von Betroffenen aus erster Hand. Die Eigen- und Weltinterpretationen der beforschten Subjekte sind längst zu zitierfähigen Quellen geronnen. Das bio-psycho-soziale Phänomen Pädophilie läßt sich lauter nur noch ethnomethodologisch erforschen: es geht um die Rekonstruktion der Art und Weise, in der sinn- und vernunftbegabte Menschen (hier: Pädophile) ihren eigenen Alltag interpretieren. Dieser methodologische common sense gilt längst für den kulturell Fremden -  er umfaßt tendenziell aber sämtliche marginalisierten Gruppen, wenngleich er bei der Forschung über Kinder, "Verrückte", Deviante und Kriminelle auf zähen Widerstand stößt. Die Methodik läßt sich forschungsethisch begreifen und in einen politischen Imperativ postmoderner Gesellschaften übersetzen: es geht darum, einen universalen Diskurs zu stiften, der nichts und niemanden ausschließt. Das ist eine unabweisbare Tendenz.

Diese methodologische "Wende" hat die "Pädophilie-Forschung" erfaßt. Dem Buch von Markus Dieth läßt sich die Diplomarbeit von Chantal Billaud (»Der Pädosexuelle und die Strafverfolgung«, Bern 2004) zur Seite stellen: auch die Kriminologin zitiert ausgiebig Quellen, die aus der Selbstverständigung Pädophiler stammen.

Auch wenn dies kein dialogischer, sondern weiterhin ein hierarchischer Diskurs ist, der zudem den Rahmungen, Denkstilen und »dunklen Stellen« von Institutionen (Mary Douglas) unterworfen bleibt - es gibt einen Korpus von Texten/Quellen, an dem die Wissenschaft nicht mehr vorbeikommt. Der Gebrauch dieser Quellen bei Markus Dieth macht allerdings auf ein Defizit aufmerksam. So indiziert das Literaturverzeichnis seines Buches Texte der Arbeitsgemeinschaft Pädophilie Berlin gleich unter fünf (!) Autorennamen: AG-PäD Berlin, Berliner Selbsthilfegruppe, Selbsthilfegruppe Berlin, Arcados und - kein Scherz - Berliner Streetworkers. Letztere erscheinen als Verfasser des Textes »Pflegschaften zwischen Trebern/Strichern und Pädos«. Es handelt sich realiter um Protokolle und Resümees, die das Ergebnis von Gesprächen zwischen Vertretern der SHG Berlin und einem Sozialpädagogen der Berliner AIDS-Hilfe waren. Das Literaturverzeichnis führt diesen Titel mit dem Zusatz »unveröffentlichtes Pamphlet«.

Das AGP-Archiv ist ein Versuch, dem Defizit der Intransparenz abzuhelfen. AGP steht für »Arbeitsgemeinschaft Pädo_«, den virtuellen Decknamen für alle kommunikativen Verbindungen und Verständigungsbasen pädophiler Menschen. Deren Textproduktion ist beachtlich und sie ist inzwischen soweit gediehen, daß sie sich historisieren läßt. Dennoch gibt es zurzeit keine zitierfähige, Urheberrechte reklamierende Materialsammlung, die über Handreichungen oder im www kursierende Dokumente hinausgeht. Eine qualifizierende Bündelung, Systematisierung und Archivierung solcher Texte ist das Anliegen des AGP-Archivs. Alle eingehenden Texte werden anonymisiert und mit einer rubrizierenden AGP-Sigle versehen. Sie sind - sofern vom Autor nicht anders gewollt - als AGP-Dokumente in künftigen Veröffentlichungen kenntlich zu machen.

Das Ziel: AGP-Dokumente sollen zitiert werden. Aber nicht schmarotzend (Markus Dieth übernimmt ganze Sätze aus »unveröffentlichten Pamphleten«, ohne sie als Zitate kenntlich zu machen), sinnentstellend und dekontextualisiert.