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AG Paedo BerlinNeueste Entwicklungen der PädosexualitätDifferenzialdiagnostische ›Früherkennung‹ sexueller Konstitution. Kritische Anmerkungen im Anschluß an ein Forschungsprojekt der Charité Berlinagp#5.290Das erkenntnisleitende Interesse des Lehrstuhls von Klaus M. Beier (Sexualmedizinisches Institut der Charité Berlin) zur Differenzialdiagnostik bezieht sich auf Pädophilie. »Sexueller Mißbrauch von Kindern« wird als ›Ausfluß‹ pädosexueller Neigung verstanden. Es gibt keine Lebensperspektive in der Pädosexualität, die nicht strafbewehrt wäre – es sei denn eine abstinent-zölibatäre. Der Lehrstuhl entwickelt ein »Früherkennungs- Instrumentarium«, um rechtzeitig ein Gefahren- und Selbstgefährdungspotential erkennen zu können. Das könnte dann therapeutisch so bearbeitet werden, daß es gar nicht zu sexuellen Handlungen mit Jungen/Mädchen kommt oder – falls bereits geschehen – nie wieder. Damit ist die Aufgabenstellung umrissen. (Beier 2001, vgl. auch Beier 1995) Das Interesse pädosexueller Selbstorganisation zielt in dieselbe und in eine andere Richtung zugleich. Wir wollen zu zeigen versuchen, warum das so ist, wo Unterschiede bestehen und woher sie ihre Legitimation beziehen. Aneignung sexueller Identität(en)Vor etwa 20 Jahren waren die pädosexuellen Männer, die zu den Selbsthilfe- und Emanzipationsgruppen kamen, in der Regel mindestens 30 Jahre alt. Viele hatten bereits Erfahrungen mit intimen Beziehungen und Sexualkontakten. Es gab eine Untergruppe mit schwulen Erfahrungen, eine andere mit heterosexuellen, eine dritte mit (auch) pädosexuellen und wenige mit gar keinen wirklichen Erfahrungen sexuellen Umgangs mit anderen Menschen. Trotz dieser individuellen Differenzen bestand relative Klarheit darüber, daß man (nun) pädosexuell sei … und doch nicht so ›ganz‹. Es gab den Terminus »Präferenz« (Bevorzugen) oder eine Vorstellung von dominanten »Anteilen« sexuellen Verlangens. Heute stellt sich das etwas anders dar. Die Männer, die zu den Gruppenzusammenhängen stoßen (realen und virtuellen), sind in der Regel sehr jung – Anfang bis Mitte 20 Jahre alt, wenige sogar unter 20 Jahre. Diese Tatsache weist auf mehreres hin: Das Selbstverständnis einer ›zu habenden‹ und benennbaren sexuellen Identität macht nur Sinn, wenn bereits kulturell verinnerlicht ist, daß es verschiedene solcher Identitäten gibt, die orientierend auf die private Lebensgestaltung wirken. Daß es homosexuelles, bisexuelles, pädosexuelles und heterosexuelles Leben (als fast gleichwertige Lebensentwürfe) geben kann, ist zum Gemeinplatz geworden. Auch, daß es im Lebenslauf durchaus einmal ein Abweichen von einer – später, aufgrund von Erfahrungen – angenommenen Kernidentität geben kann oder bereits gegeben hat. Abweichungen ändern am sexuellen Identitäts-Kern selber nichts. Ebensowenig werden abweichende Erfahrungen im Sinne einer ›natürlichen‹ bisexuellen Anlage handlungsanleitend verinnerlicht. Die statistischen Befunde von Kinsey et al. (1948) bezeugen zwar eine bemerkenswerte Varianz sexueller Verhaltensweisen und Addressierungen; in der Bandbreite sexueller Erlebnisse in Lebensläufen, wie sie Kinsey untersuchte, kamen auch Formen von Sodomie, Kindersex und Pädophilie vor – allerdings wohl nicht so relativ, daß man hätte sagen können, fast alle Menschen seien etwa ›multi-sexuell‹ oder mindestens in irgendeiner Form bisexuell. Die Identifizierung im Sexuellen vollzieht sich als Aneigung und Selbstzuschreibung. Sie ist individuell nicht beliebig, gleichwohl handelt es sich um ein aktives Wählen aus einer größeren Varianzbreite und um eine schrittweise und effektive Verfestigung. Die je individuelle Natur wird verfügbar gemacht: aber sie wird nicht entdeckt, sondern entwickelt, den gängigen Identitätsangeboten angepaßt, ja sogar – und das betrifft sexuelle Innovationen – erfunden. Vorverlagerung: Sexuelle Identität wird diskursiv erzwungen, bevor sexuelle Erfahrungen gemacht werden (dürfen)Wahrgenommene sexuelle Neigungen und Lustmöglichkeiten werden heute offenbar sehr früh einer Kernidentität zugeordnet. Das geschieht schon im Kindes- und vorrangig dann im frühen Jugendalter. Bezeichnungen für ›identitätslose‹ Sexualität unter Kids waren lange noch: »sich gemeinsam Gefühle machen«, sich gegenseitig »aufgeilen«, »Schweinereien machen«. Solche Sexualität wurde – phänomenologisch – auf den Begriff (gegenseitiger) Selbstbefriedigung gebracht, entwicklungslogisch als Prä-Sexualität oder funktional als Probehandeln gedeutet, sofern sie überhaupt wahrgenommen wurde. Im Alltagsjargon war das lange Zeit ›Kinderkram‹. Unter dieses pauschale Verdikt fielen prinzipiell alle sexuellen Kontakte von Menschen, die noch nicht als erwachsen galten; allein die Bezeichnung »Petting« läßt solches Handeln für Jugendliche schließlich adäquat erscheinen. Nach wie vor versuchen Kinder und Jugendliche, jeden Eigen- und Fremd-Verdacht abzuwehren, nicht heterosexuell zu sein oder zumindest zu werden. Das führt dazu, daß die neutralen Sexerlebnisse ihre Unbefangenheit des reinen Lustgewinns verloren haben, was auch die Selbstbefriedigung bei Kids weiterhin zum bloßen Ersatz für den noch nicht erreichbaren heterosexuellen Partner disqualifiziert. Inflationär gebrauchte Beschimpfungen unter Kids wie »kleiner Wichser«, »schwule Sau«, »lesbische Schlampe« werden so verständlicher: der viel früher einsetzende Individualisierungsdruck fordert eine feststehende sexuelle Identität geradezu heraus. So erfährt auch der experimentelle Umgang mit sexuellen Genußmöglichkeiten eine Transformation: Sex findet weniger in autonomen Gegenwelten statt, er muß sich den erwachsenen Standards gemäß legitimieren. Für Kids gibt es weiterhin kein partnerschaftlich-sexuelles Agieren, das positiv benennbar wäre – außer in realen, im Urteil der Erwachsenen dann allerdings ›verfrühten‹ heterosexuellen Kontakten. Aber eine heterosexuelle Beziehung hat man bereits ebenfalls sehr früh. Sie beschreibt einen mustergültigen sexuellen Leerlauf: man »geht miteinander« … und wenn man ein Stück gelaufen ist, weiß man nicht, was das alles soll. Bleibt dann noch Geschenke machen, »knutschen« und ein bißchen schmusen. Damit hat man bewiesen, daß man eine Identität hat – und kann es mit einer solchen Partnerschaft bewenden lassen. Oder sie sporadisch neu vorführen: sich selber und den Anderen . Wenn das – in etwa – so ist, dann wird verständlich, warum heute noch verschwiegener und einsamer selbstbefriedigt wird und reale, zumal gleichgeschlechtliche, Sex-Kontakte unter Kids nur noch wenig verbreitet sind. Und da auch die Peer-Group immer altershomogener geworden ist, fehlen vielfältige Möglichkeiten des Lernens voneinander und die Tradierung des »sich Gefühle machen« zerbricht. Kids sind heute erstaunlich lange a-sexuell – bei einem breiten Wissen über sexuelle Spielarten aus den Medien. Unter dem Druck der frühen sexuellen Identifizierung erscheint fast aller – für Kids real zugänglicher – Sex doppelt tabuisiert. Zunächst bleibt durchgängiger Tenor aller Sexualaufklärung: Sex kommt später, wenn Liebe ›ernst geworden‹, feste Partnerschaft möglich und ›Reife erlangt‹ ist. Parallel dazu geraten bereits sehr junge Menschen unter Zugzwang, sich über ein eher noch diffus wahrgenommenes, eher verwirrend schwankendes Begehren nach sexueller Lust Rechenschaft ablegen zu müssen. Sie orientieren sich dabei an dem, was ihnen täglich in elektronischen Medien und Alltagsdiskursen angeboten und vermittelt wird. Aber für sie selber ist eigentlich nichts dabei; alles ist mit »Mißbrauch« belastet, sobald sie den Sex auf sich zu beziehen versuchen. Und das immer mal wieder neu entdeckte »Sich zusammen Gefühle machen« ist nicht mehr eher prickelnd harmlose, nicht mehr ambivalente, verboten-erwünschte »Schweinerei« – sondern eben Mißbrauch. Damit ›irgendwie‹ bereits pädosexuell. Feststellung pädosexueller IdentitätDer nun bereits 20 Jahre vehement-hysterisch geführte »Mißbrauchs-Diskurs« führt offenbar auch dazu, daß sich junge Menschen im Vergleich zu den 1970er Jahren bereits deutlich früher als pädosexuell wahrnehmen, verstehen und zu unseren Gruppen stoßen. Das ist einerseits durchaus wünschenswert, weil sie dadurch diverse Irrwege gar nicht erst gehen oder unterschwellig irritiert gehen müssen. Andererseits fehlt ihnen die Erfahrung, nicht das eine oder andere vielleicht auch zu sein. Der Umweg sexueller Selbsterfahrung über Gewichtung und Ausschluß wird abgekürzt. Dabei kann auch die schnelle Identifikation als Pädosexueller zum Irrweg werden. So haben wir 20jährige erlebt, die Jungen anziehend und aufregend fanden und weiterhin finden, sexuellen Genuß mit ihnen erleben konnten, dann doch – durch weitere Erfahrung – ein homosexuelles oder sogar heterosexuelles coming-out durchlebten und so erst ihre Perspektive fanden. Pädo-Sein ist ja kein Bekenntnis und der frühe Kontakt zu unseren Gruppen verhindert auch nicht – verzögert im Einzelfall – das Erschließen der angemessenen Form sexuellen Begehrens. Die Lebenserfahrung lehrt, daß die Aneignung des eigenen Libido-Objekts eher einen frühen, verwirrenden, vielseitigeren Beginn hat und eine zu schnelle Festlegung durch Eigenzuordnung fast dem entspricht, was Psychologen und Psychiater früher »Fixierung« nannten. Zu vermuten ist darüber hinaus, daß eine Stabilisierung des angemessenen Libido-Objekts für viele Männer erst in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts zum Abschluß kommt und dann bestimmend bleibt für die eigene (auch ich-syntone) Lebensplanung und weitere Selbstentfaltung. Aber selbst dann kann es neuerliche ›Abweichungen‹, neue Erfahrungen, manchmal auch neue Berwertungen geben. Und mit Anfang 30 sieht man sich irritiert sein bisher gelebtes Leben an, festigt die bestehende oder sucht neue Orientierung. Sehr jungen Leuten wird auch und gerade in pädosexuellen Kreisen empfohlen, sich nicht vorschnell festgelegt zu fühlen, entscheidende lebenspraktische Perspektiven in Konvergenz zu einer gemutmaßten pädosexuellen Identität zu bringen und dadurch einzuengen. So gesehen könnte das zu entwickelnde Instrumentarium der Charité durchaus auch in unserem je individuellen Interesse sein. Bisher haben wir in unserer Selbsthilfearbeit nur ein sehr grobes Instrumentarium zur Eigen-Diagnose empfohlen:
Wenn die Antwort auf die Fragen 1-3 auf »Jungen« bzw. »Mädchen« lautete und die Fragen 4 und 5 bejaht werden konnten, sahen wir eine pädosexuelle Konstitution als gegeben. Da wir in unseren Gruppengesprächen keine einheitlichen (Kindheits-)Muster bestimmen konnten, ist solche ›Anlage‹ sicher ›multifaktoral‹, also eher unbestimmbar im Sinne von Ursache. Dabei haben wir den Begriffszusammenhang von Sozialisation – Konstitution – Individuation – Personalisation im Blick, wie ihn bisher einmalig Jean Paul Sartre (1977) in seinem Werk Der Idiot der Familie zu entfalten suchte. Eine emotional integrale, ich-syntone Persönlichkeit fulguriert nach Sartre nicht in der Pubertät (die ein biologisches Datum setzt, das für Kulturationsprozesse keineswegs zwingend ist), sondern wird im Lebensvollzug bis weit über die Adoleszenz hinausgehend tätig erschlossen. Das sind prinzipielle Relativierungen eines Ansatzes, der nach einer möglichst frühen und eindeutigen Deklaration einer Sexualform sucht. Die trotzdem mögliche und sinnvolle Zuordnung sexuellen Begehrens ist wohl relativ verläßlich, wenn sie sich auf Menschen bezieht, die Mitte bis Ende 20 sind oder älter. Sexuelle »Anteile«?Unter weiterer Verwendung ordnungsstiftender Begriffe behalfen wir uns damit, von »Anteilen« zu sprechen, die lebensgeschichtlich – perspektivisch – vorerst keine weiteren Schlußfolgerungen erlauben, wenn sie vernachlässigbare, also fast keine zur Wirklichkeit drängenden homo-, hetero- oder pädosexuellen Anteile sind. Es wird sich schon herausstellen, klären durch Erleben. Aber auch hier wäre eine frühe Zuordnung vielleicht wünschenswert, weil ja andere Menschen ›dranhängen‹, was die konkrete Lebensgestaltung betrifft – Partnerschaften eben. Es gibt Erfahrungs-material zuhauf über viele tragische Ehen und Familien, in denen sich der Mann und Vater schließlich als homosexuell, die Frau und Mutter als lesbisch herausstellt und nun das gemeinsam aufgebaute Beziehungsleben daran zerbricht. Die Vorstellung von »Anteilen verschiedener sexueller Begehrensformen« deckt sich empirisch mit der Erfahrung, daß auf die Reize nackter Jungen und Mädchen ein hoher Prozentsatz der männlichen Bevölkerung sexuell reagiert ( Quinsey et. al. 1975, Freund & Watson 1991, Firestone et al. 2000) und wiederum nur eine Minderheit bereit ist, sich als (in Anteilen) pädosexuell wahrzunehmen. Das trifft wohl vorrangig heterosexuelle Männer in Bezug auf Mädchen und homosexuelle Männer in Bezug auf Jungen. Wie das bei Frauen ist, wissen wir nicht wirklich – es ist wohl ähnlich oder analog zu denken. Natürlich gibt es Erwachsene, die auch Kinder erotisch, erregend und/oder liebenswert wahrnehmen, sie beschmusen wollen – ohne daß das für sie bereits eindeutig sexuell erregend ist oder ›sexmäßig‹ wird. Es bleibt diffus, zumal wenn integriert in die Rolle Vater/Mutter. Es erscheint neutralisiert – wird also nicht als Sex-Wunsch erlebt, gelegentlich aber als ›sexuell motiviert‹ beschrieben. (Hier zeigt sich wieder, was der Sammelbegriff Sexualität/sexuell abdeckt und doch nur ungenau bestimmen kann.) Zu der Vorstellung von Anteilen verschiedener Sexualformen in einem Menschen (Ausdifferenzierung der Freud‘schen polymorph-perversen Anlage in Anteile?) paßt auch die Einordnung »Ersatz-Handelnder« noch halbwegs. Das wären dann Leute mit starken heterosexuellen Anteilen und schwacher homosexueller Neigung … oder so ähnlich. Empirisch ist mindestens feststellbar, daß mehr Menschen auch neben ihrer Präferenz für Mann/Frau/Junge/Mädchen/Kind mit anderen Menschen sexuell genußfähig sein können. So ist z.B. in Männer-Institutionen (Armee, Gefängnis u.a.) die Anzahl der Männer, die sich homosexuell befriedigend betätigen, größer als die Gruppe, die sich als homosexuell begreift und nach dem Knast weiterhin homo-sexuelle Beziehungen pflegt. Das bezieht sich dann aber nicht auf die – wohl erhalten bleibende – sexuelle Genußfähigkeit, sondern auf denlebenspartnerschaftlichen Beziehungswunsch, also auf die Sexualform. So in etwa ist unser Bild auch von etlichen Männern, die in besonderen Situationen ihr sexuelles Begehren an Jungen/Mädchen herantragen, sich aber nie als pädosexuell begreifen. Einen Partnerwunsch mit Gestaltungsperspektive haben und realisieren sie nicht. Anzunehmen ist aber, daß diese entdeckte und realisierte Genußfähigkeit als Potential erhalten bleibt. Sie ist nun bleibende Erfahrung. Sexualform: Beziehungswünsche und -möglichkeitenMan könnte also auch sagen, daß Pädosexuelle Männer sind, die ausschließlich Jungen/Mädchen befriedigend genießen können und die zugleich ihren intimen Partnerwunsch allein mit Jungen/Mädchen realisieren können und wollen. Das wäre die Sexualform Pädo. Damit verschiebt sich aber die Sicht und das »Anteil-Modell« verliert seine Sinnentsprechung – es fokussiert zu sehr auf sexuelle Genußfahigkeit. In der SHG-Berlin sagen wir seit langem: hinter dem rein sexuellen Begehren verbirgt sich der Beziehungswunsch. Oder realistischer: Im sexuellen Begehren ist der Beziehungswunsch immer anwesend – wird situativ fast von ihm verdeckt oder sogar in die Irre geleitet. Sexuelle Begierde drängt sich in den Vordergrund, verselbständigt sich. Der Beziehungswunsch ist entscheidender als die Möglichkeit, sexuell befriedigenden Umgang mit einer Frau, einem Mann, einem Mädchen oder einem Jungen haben zu können. Es ist einfach Quatsch, das ›rein Sexuelle/sex-mäßige‹ über die Freud‘sche Triebvorstellung als Indikator benutzen zu wollen für breitere Möglichkeiten eines konkreten Menschen in seinem Lebenslauf. Wir sagen sehr bewußt: Quatsch. Es gibt keinen primär biologisch fundierten psychischen Trieb oder Triebstau in Bezug auf einen anderen Menschen. Die bio-chemischen Prozesse und physiologischen Mechanismen, die im Zentrum sexueller Funktionstörungen stehen, beschreiben kein pädosexuelles Problem. Die – momentane – ›Triebabfuhr‹ gelingt masturbierenden Pädophilen ebenso gut wie allen anderen gesunden Menschen. Primär scheint das Bedürfnis nach umfassender Nähe – somit ist »Pädosexualiät« in ihrer psycho-sozialen Bedeutung erörtungsbedürftig und mechanistische Metaphern entsprechend untauglich. Es mag vorkommen, daß Männer deshalb einen Jungen/Mädchen im Umkreis der Familie bedrängen, weil ihre erwachsenen Partner sich ihnen (auch sexuell) entziehen. Dann ist dieses Kind aber viel weniger Ersatz für mangelnden Sex (Triebstau) als für die unzureichende Befriedigung partnerschaftlicher Nähebedürfnisse. Das ist das typische Szenario im (sozialen) Inzestbereich – überwiegend sind kleine Mädchen betroffen, die als kleine Frauen gesehen, verstanden und behandelt werden. Oder nur als irgendein ›verfügbarer warmer Körper‹, nicht aber als Personen in ihrer vollen Realität als Mädchen/Junge. Es ist in solchen Konstellationen nicht das ›Mädchenhafte‹ in seinem realen Sein, das imponiert. Und dieses ›Mädchenhafte‹ wird nicht entfaltet oder Teil einer intimen Beziehung. So ist Vladimir Nabokovs Lolita gerade kein Pädo-Roman eines ›Mädchenliebenden‹, sondern die sehnsüchtig-verzerrte Wiederholung eines frühen, umwerfenden Erlebnisses von H. Humbert. Als reales Mädchen kommt Lolita gar nicht vor, gewinnt in der Beziehung keine Kontur. Lolita ist ›kleine Frau‹, kindlicher Engel und Göre … und ähnliches. Und wenn sie wirkliches kleines Mädchen ist und von Humbert entsprechend wahrgenommen wird, ist sie ›ungezogenes‹, unverstandenes, verkommenes Gör. Verschiedene Anteile für sexuelle Genußfähigkeit gibt es offenbar: Vorlieben, Eigenarten. Beziehen wir aber die »Anteil«-Methapher auf den Beziehungswunsch, dann müßte man besser von Bi-Sexualität sprechen. Das aber würde bedeuten, daß jede Vereinseitigung ihrer selbst diesen Menschen auf Dauer nicht gerecht wird, sie also in Abschnitten ihres Lebens nur erwachsen heterosexuell, dann nur pädosexuell oder homosexuell zu leben begehren. Dem widerspricht unsere Alltagserfahrung, in der es verfestigte sexuelle Identitäten, an denen sich Gefühle, Wünsche und Lebenspläne ausrichten, wirkmächtig gibt. Therapeutische Irreführung?Uns sind diese Überlegungen deshalb wichtig, weil die »Anteil«-Vorstellung therapeutisch impliziert, den einen Anteil mit Hilfe des anderen zu stabilisieren und im besten Fall durch gelebtes Leben einen Anteil gegen null zu bringen – zugunsten des anderen. Oder daß der erfüllt gelebte ›gute‹ Anteil den verpönten in Schach hält. Ganz verquer erscheint uns das nicht – es gibt Erfahrungen, die sich so oder ähnlich reflektieren lassen. Mit den Konsequenzen für eine realisierte Beziehung konfrontiert, wird die Vorstellung schnell suspekt. Denn der intime Lebenspartner wird so zwangsläufig ›benutzt‹, instrumentalisiert als Therapeutikum – sogar trotz empfundener ›Liebe‹. Diese Liebe muß egozentrisch verstellt bleiben, ›dauerverliebt verharren‹, sich ans Gefühl des Liebens klammern und jede »Begegnung von Gegnern« (vgl. Dörner et al. 2002, S. 126f.), aus der heraus Liebesgefühle ihre Substanz gewinnen, eher verfehlen. Die so nur gefühlte Beziehung klammert in der Regel den Partner, »irrealisiert« (vgl. Sartre 1977, Teil 2, Die Personalisation) ihn, bringt ihn um seine spröde Andersartigkeit. So führt das »Anteil«-Modell, wie plausibel es immer erscheinen mag, individual-therapeutisch in die Irre – und das auch noch auf Kosten eines durchaus geschätzten anderen, liebenswerten Menschen. Wird solche Art Therapeutikum allein deshalb vertretbar, weil es verspricht, Kinder real ›schützen‹ zu können? Zu erwarten ist eher, daß die Sehnsucht nach einer intimen Beziehung zu einem Jungen/Mädchen kurzfristig verdeckt wird (wie es Peter Schult (1982) in seiner Autobiographie vorführt), dann in einer für pädosexuelle Beziehungsaufnahmen eher verbauten Lebenssituation erneut aufbricht und die Frage der vollen Selbstakzeptanz sich von Neuem stellt. Leidtragende sind dann beide Partner. Bei dieser eher wahrscheinlichen Einschätzung greifen wir auf Erfahrungen unserer SHG zurück. Wir haben immer wieder Männer erlebt, die frühzeitig feststellten, daß sie Jungen begehrten, den Frauen aber durchaus nicht abgeneigt waren. Sie haben sich in eine Frau verlieben können, sie geheiratet und sich durchaus als treu sorgende und liebende Väter erlebt. Sie haben die Spanne lange halten können, die das Inzesttabu vorgibt. Und dann kam der Sohn in ein entsprechendes Alter und also »in den Blick« ihres verstellten Begehrens. Oft geschah das nur indirekt – über die Schulfreunde, die nun deutlich die ›versteckte‹ Pädosexualität erlebbar machten. Thomas Mann gibt hierfür ein Beispiel und er scheint wohl das Modell zu sein, das mit der »Anteil«-Konstruktion verallgemeinert und therapeutisch fruchtbar gemacht werden soll. Wir warnen davor – nicht jeder hat so starke Kompensationsmöglichkeiten wie dieser Schriftsteller und eine so ›verständige‹ Frau wie er sie hat finden können. Und bei allem bleibt noch das erbärmliche Bild eines alten Mannes, der nach italienischem Essen giert, nur um den jungen Kellner dort schmachtend »noch ein-mal wieder zu sehen« – und seine Frau sitzt daneben, tröstend und wachend zugleich. Therapeutische RichtschnurWir wollen noch einmal erinnern, was Eberhard Schorsch (1975) als Standard und Leitvorstellung therapeutischer Intervention vorschlug. Für Dörner & Plog (2002) war Schorschs Konzept die Grundlage ihrer Ausführungen zur »Landschaft des Liebens« und zum »Leiden an sexueller Andersartigkeit«:
Bejahung: Diese günstigste und häufigste Versöhnung der Person mit
ihrem Umweg verhindert ein Leiden an ihm, er wird im möglichen Umfang gelebt.
Die Person bleibt stabil. Diese Ausführungen dienen uns als Richtschnur für unsere Gesundheit und unsere volle Entfaltung als die Personen, die wir werden können. Gleichwohl haben Schorsch und seine Kollegen an den sexualwissenschaftlichen Instituten in Hamburg und Frankfurt deutlich gemacht, daß volle Bejahung, also zu erarbeitende Selbstakzeptanz bei Pädophilen therapeutisch nicht leitend sein kann, weil … die gesellschaftliche Realisierungsmöglichkeit [fehlt], so daß massive soziale Sanktionen drohen. (Schorsch 1975, S. 148) Der Begriff »Dis-Sexualität« erweitert diese Einsicht begrifflich in kultureller Dimension, nicht psychiatrisch-fachlich. Die Kernaussage bleibt bestehen: Pädosexualität kann bzw. darf nicht gelebt werden. Ähnlich dann wieder die Argumentation von Gunter Schmidt (1999): Pädo ist eine eigenständige Sexualform und keine Krankheit, kann aber nicht gelebt werden und ist deshalb »tragisches Schicksal«. Damit ist gemeint, daß es »tragisch« hinzunehmen sei, zölibatär zu leben. Geht man von unveränderlichen gesellschaftspolitischen Maßgaben aus, ist eine solche Sicht erschreckend realistisch. Ein wahrhaftiger, individuell gerechter, immanent therapeutischer Standpunkt ist das aber nicht. Es ist ein ordnungspolitischer, der dem betreffenden Mann, statt ihm zur Selbstakzeptanz und ichsyntonen Annahme seiner Pädophilie zu verhelfen, sich verweigert und ihm zugleich die Entscheidung nimmt. Statt Coming-out-Begleitung wird eine Umerziehung mit ›therapeutischen‹ Mitteln versucht. Und im Extremfall eine Gehirnwäsche, in die der Sicherungsverwahrte wohl dann doch noch ›einwilligen‹ wird, wenn er nur lange genug sitzt! Therapeutisch verantwortbar, ethisch lauter – nur noch in unserem Verständnis? – sind Interventionen, die der Hilfesuchende braucht und will – mit deren Hilfe er selber entscheiden kann, mit welcher der therapeutisch erschlossenen Alternativen er in dieser Gesellschaft leben will. Für seine Entscheidungen muß er allein Verantwortung tragen! Therapeutische Verantwortung opfert pädosexuelle Menschen real oder leitet sie in die Irre, wenn sie ›schlechte‹ mit ›guten‹ Anteilen zu kurieren vorgibt und damit indirekt und unausgesprochen Abwehren zum therapeutischen Ziel erhebt. Patt-Situation. SelbstsorgeNach dem Vortrag 1999 bei der GSW, in dem Gunter Schmidt erstmals öffentlich feststellte, Pädo sei eine eigenständige »Sexualform«, haben wir das in der SHG-Berlin als eine »Patt-Situation« beschrieben. Sexologisch-psychologisch-psychiatrisch bleibt nun nur noch, in den Blick zu nehmen, wie denn diese Sexualform ›kompatibel‹ werden kann mit all den anderen Formen, in denen sich Kind und Kindheit abspielt. Die Meta-Studie von Bruce Rind et al. (1998) hat zudem bestätigt, daß mit vielen Problemen zu rechnen sein wird, nicht aber damit, daß das Begehren auf Jungen/Mädchen ›automatisch‹ schädigend für diese ist. Damit war das Problem dorthin zurückgegeben, wo es hingehörte: in den Bereich offener sozialer, letztlich auch politischer Fragen. Die Reaktion der mit der Bewertung der Forschungsergebnisse befaßten Gremien in den USA war unmißverständlich: Rechtspolitische Konsequenzen, über deren Tragweite für zentrale gesellschaftliche Institutionen keine Klarheit besteht, sind nicht gewollt. Immerhin hat Richard Green (2002) empfohlen, daß sich die Psychiatrie nun aus diesem Feld zurückziehen möge: er schlug vor, »Pädophilie« aus dem statistisch-diagnostischen Verzeichnis der psychischen Krankheiten ersatzlos zu streichen. Das sehen wir auch so. Dieser Schritt erst würde konsequent die Bereitstellung therapeutischer Hilfen ermöglichen, die viele von uns so dringend suchen zu ihrer vollen Selbstakzeptanz. Also Patt. Aufgabe des Spiels: 2 Sieger und 2 Verlierer zugleich. Und politisch, juristisch nun vorerst: Schachmatt. Es bleibt weiterhin, uns um uns selbst zu kümmern. Und das sollten wir weiter machen und ausbauen mit permanentem Erfahrungsaustausch und allem verfügbaren Wissen – aus Psychologie/Sozialpsychiatrie, philosophisch begründeter Selbstsorge, Kulturwissenschaft und Soziologie. Wir sind ja schon längst mitten drin in unserer Kulturation. Wir sind dabei, uns zu erfinden nach den Prämissen, die unsere Kultur bereithält. Wir sind und bleiben ja ein Teil dieser Kultur und Gesellschaft – wenn auch der für uns vorgesehene politisch-gesellschaftliche Ort vorerst als ungeheuerliche Drohung festgelegt ist: Sicherungsverwahrung und sich therapeutisch gerierende Gehirnwäsche und Umerziehung.
Literatur
Beier, Klaus M. (1995). Dissexualität im Lebenslängsschnitt. Theoretische und empirische Untersuchungen zu Phänomenlogie und Prognose begutachteter Sexualstraftäter. Berlin: Springer. Beier, Klaus M. (2001). Sexuelle Übergriffe. In Stiftung Deutsches Hygienemuseum (Hrsg.). Sex, vom Wissen und Wünschen. Ostfildern: Hatje Cantz. Dörner, Klaus, Plog, Ursula, Teller, Christine & Wendt, Frank. (2002). Der sich und Andere liebende Mensch. In: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie (S. 125-148). Bonn: Psychiatrie-Verlag. Firestone, Philip, Bradford, John M., Greenberg, David M. & Nunes, Kevin L. (2000). Characteristics of Phallometric Responses: A Comparison of Homicidal Child Molesters, Child Molesters, and Normal-Control Men. Am J Psychiatry, 157, 1847-1850. Freund, K., & Watson, R. J. (1991). Assessment of the sensitivity and specificity of a phallometric test: An update of phallometric diagnosis of pedophilia. Psychological Assessment, 3, 254–260. Green, Richard. (2002). Is Pedophilia a Mental Disorder? Archives of Sexual Behavior, 31(6), 467-471. Kinsey, Alfred C. et al. (1948). Sexual Behavior in the Human Male. Saunders: Philadelphia. Quinsey, V. L., Steinman, C. M., Bergersen, S. G., & Holmes, T. F. (1975). Penile circumference, skin conductance, and ranking responses of child molesters, and “normals” to sexual and nonsexual visual stimuli. Behavior Therapy, 6, 213–219. Rind, Bruce, Tromovitch, Philip & Bauserman, Robert. (1998). A Meta-Analytic Examination of Assumed Properties of Child Sexual Abuse Using College Samples. Psychol Bulletin, 124, 22-53. Sartre, Jean Paul. (1977). Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert 1821-1857. 4 Bde. Rowohlt: Reinbek. Schmidt, Gunter. (1999). Über die Tragik pädophiler Männer. Z Sexualforsch, 12, 133-139. Schorsch, Eberhard. (1975). Sexuelle Deviationen: Ideologie, Klinik, Kritik. In Volkmar Sigusch (Hrsg.), Therapie sexueller Störungen (S. 118-155). Stuttgart: Thieme. Schult, Peter. (1982). Besuche in Sackgassen. Aufzeichnungen eines homosexuellen Anarchisten. Foerster: Berlin. |
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