![]() |
|
»Rose bonbon« - Literatur-Skandal in Frankreich»Rose Bonbon« erschien im Sommer 2002 in der Pariser edition gallimard. Das Buch - "corpus delicti" in den Augen französischer Politiker, Kinderschutzfunktionäre, Anwälte und sogar Feuilletonredakteure - liegt nicht in deutscher Übersetzung vor. Aber auch das deutschsprachige Feuilleton nahm Anstoß. Einige Artikel sind über den LitV zu beziehen. agp#5.199
Da hat sich doch ein bis dato nicht sehr bekannter, junger Autor erdreistet, noch ein weiteres Buch zu schreiben. Nun, das Bücherschreiben ist ja der Beruf eines Autors, denn damit verdient er ja manchmal seine Brötchen, nicht wahr. Aber wenn schon noch Bücher für diese verdummte PISA-Welt, dann bitte moralische solche! Bücher, die dem gesunden Stammtischempfinden entsprechen, kein Ärgernis hervorrufen, nicht die öffentliche Ordnung stören, nicht zum differenzierten Denken anregen, und so weiter und so fort. - Zum Beispiel Bücher über tollen Stino-Fick, wenn möglich gleich mit einem halben Dutzend multipler Orgasmen. Oder über reich gewordene Huren, die womöglich gleich ein halbes Dutzend Prominente ausgenommen haben. Oder so’n ähnliches, hochkulturelles Zoich, mit dem der frustrierte Normalbürger sich wohl identifizieren kann, ohne aber gottlob je die physische und psychische Verfassung zu erreichen, um es nachahmen zu können. Leider ist es dem Autor Nicolas Jones-Gorlin gelungen, gegen all diese Spielregeln zu verstoßen. Denn er schrieb sein oben erwähntes Buch zum sakrosankten Thema Pädophilie. - Auch das wäre noch nichts Besonderes gewesen, aaaber: er schreibt im Ich-Stil aus der Sicht des Pädos. Was der Pädo empfindet. Wie der Pädo denkt. Wie seine Moralvorstellungen sind. Und - oh Schreck! - wie "das Kind" auch noch positiv auf "den Pädo" eingeht. Kurzum: Er präsentiert "den Pädo" als einen Menschen - zwar als einen abwegigen solchen - und hält dem Stino - wenn der es denn verstehen will - einen Spiegel vor die Nase... Und sowas darf unter keinen Umständen sein, nicht wahr. Denn sowas untergräbt die ebenso sakrosankten Dogmen der selbsternannten Kinderschützer, in diesen Fall der Verein »l'Enfant Bleu« (Das unschuldige Kind). Die zogen sofort zu Felde, den Autor der »sexuellen Exponierung eines minderjährigen Kindes« zu bezichtigen und das Buch einstampfen zu lassen. Denn sie fanden, das sei ein Missbrauch der Meinungsfreiheit und darum gönnten sie dem Autor seine Brötchen nicht. Und Journalisten tröteten in dasselbe Horn, denn es ging ja auch um deren Brötchen, nicht wahr. Denn in unserer - ach - so freien Gesellschaft darf man’s doch nicht wagen, sowas zu ignorieren oder gar zu be"gut"achten, ohne in Existenznöte zu geraten. Und so erwog der alt-ehrwürdige Verlag Gallimard eingeschüchtert, das ominöse Buch aus dem Verkehr zu ziehen ... Und das gefiel einem Mitglied des Lektorenkomitees bei Gallimard, dem Herrn Michel Braudeau, überhaupt nicht. Der sagte in einem offenen Brief den Kinderschützern und Journalisten, was er von diesem Kreuzzug gegen die Meinungsfreiheit hält: »Fernsehjournalisten, Nachbeter eines literarischen Mikrokosmos, sind gleich in die Fußstapfen von ›l'Enfant Bleu‹ getreten, mit einem Eifer und einer Hast, die zumindest verdächtig erscheinen. Das zeigt ihr Bemühen, sich vor allen Anderen und vor aller Welt womöglich in der Rolle von tugendhaften, weißen Rittern zu zeigen, die gegen ein Buch kämpfen, das sie zugegebenermaßen nicht mal gelesen haben, oder wenn doch, dann nur in kurzen Fragmenten. Das Buch ist gar nicht mal lang, aber dies zeigt den verqueren Zustand der Literaturkritik in Frankreich, die eine blinde Hexenjagd veranstaltet, Scheiterhaufen und Pranger fordert und sich jeder Bewertung verschließt.« Weiter heisst es: »Einen Autor davon abhalten zu wollen, das Unbehagen seiner Zeitgenossen aufzuzeigen, ist ein ›Kopf-in-den Sand-stecken‹ (une tartufferie), zu der nicht mal der wendigste Vogel Strauss fähig wäre. Es gibt Entrüstungen, die vor allem viele der eigenen Ängste verraten. Die Zensur löst nichts. Im Gegenteil, sie regt an. Sie weckt den Vorwitz. Es ist die Zensur, die das Verbrechen anziehend macht, die Prohibition, die den Handel belebt. Ein ehrlicher Bürger sollte einem Autor dankbar sein, der seinen Teil zum Exorzismus der Dämonen beiträgt, die in uns allen sind.« Braudeau schliesst seinen langen Text so ab: »Ich fühle mich vollkommen solidarisch mit Nicolas Jones-Gorlin. Sollte er einmal den Schierlingsbecher trinken müssen, so bitte ich Sie, mir auch ein Glas davon übrig zu lassen.« Und siehe da, nun ist das Buch plötzlich wieder zu haben. Aber mit einer knallroten Warn-Banderole um den Bauch. Es handele sich um einen Roman, um eine pädophile Fiktion, bei der ein Kind in unwürdige pädophile Handlungen verstrickt würde, die nichts mit der Realität zu tun hätten. – Wenn’s nicht so ernst wäre, würde ich lauthals gröhlen: gelingt es wegen der Meinungsfreiheit nicht, das Buch zu verbieten, so schreibt man eben der Realität vor, wie sie zu sein hat. - So'n Teufelskreis aber auch ... und die wollen Kinder schützen? Aus all dem Brouhaha der französischen Medien hab ich nicht eindeutig erkennen können, woraus die »sexuelle Exponierung« eigentlich besteht, ob das minderjährige Kind nun ein Junge oder ein Mädchen und wie alt es überhaupt ist. Doch "das Kind" als realer Mensch ist diesen Herren/Damen ja sowas von egal und fremd. Hauptsache sie konnten sich wieder mal durch nebelhornartig tösende Nullinformationen profilieren, um ihre abstrakte Idee vom sächlichen ...äh...asexuellen... Kind durch versuchte Zensur zu beschützen. Ich will es aber genau wissen. Denn ich werde das Buch bestellen, auch wenn der Verkaufsmensch mich dumm anmachen wird. Wegen der Banderole nämlich, wo sichtbar für alle Merkbefreiten draufsteht, was angeblich drin ist, aber nicht drin zu sein hat.
Quellen: Libération, Europe 1, Le Monde, Le Figaro u.a. Text und Übersetzung der Zitate von "daedalus", Sept. 2002 |
|