AG Pädo Berlin

Kontaktebenen - Coming-Out

Leitfragebogen und Modelle
Handout zum 22. AG-Pädo-Treffen, Berlin, September 2004

agp#4.216

 

Lebensperspektiven als Bl/ Gl

These 1: Alle erwachsenen Menschen brauchen/ begehren eine intime, volle Partnerbeziehung. Sublimation gibt es nur graduell – nicht total. Kompensation ist etwas anderes, notwendiger Verzicht auch.

These 2: Jede intime Beziehung ist ein Sich-aufeinander-einlassen von Gegnern, die jeweils ihre Wünsche voll realisiert haben wollen. Aus der prinzipiellen Gegnerschaft heraus entwickelt sich intime Beziehung. Beziehung ist immer auch „Ziehen und Zerren“.

These 3: Im Bl/Gl-Beziehungswunsch ist der Sex-Wunsch immer anwesend. Er riskiert die Beziehung einerseits, andererseits realisiert er sie voll, wenn er gelebt werden kann. Welche jeweiligen Konsequenzen ziehen beide Möglichkeiten (Verzicht und Realisierung) nach sich?

Kontaktebenen

Berufskollegen

Familie/Verwandschaft

(erwachsene) Freunde

+

+

+

Erwachsener (Bl/Gl)

Junge/ Mädchen (Bf/Gf)

+

+

+

+

Mitschüler

Lehrer/Erzieher/Sozialpädagogen

Eltern/Verwandschaft

(gleichaltrige) „Peers“

 

+

+

 

? Liebespartner, Intimus ?

? erwachsener Freund ?

Abb1 Kontaktebenen : Soziale Umwelten


Formale, institutionalisierte Kontaktebene
(pädagogische Settings)


Private,
ungebundene
 Kontaktebene
(»reine Beziehung«)


Beispiele:

Lehrer-Schüler (Beruf, Nachhilfe)

Erzieher-Zögling (Heime, Freizeitheime)

Betreuer-Teilnehmer (Einzelfall- und Familienhilfe, Training, Ferienfahrten, „Babysitting“, ehrenamtliche Projekte)

Bekanntschaft :  Punktuelle Kontakte

 

Einbindung in Aktivitäten der peer-group („Freizeitanimateur“)

 

Kontinuierlicher Kontakt zu einem Jungen/Mädchen

Feste Beziehung : Liebe-Freundschaft-Verhältnis

 

_ Strukturelle Abhängigkeit

_ „nur“ emotionale Abhängigkeit, Sympathie

_ Nicht-reziprokes Verhältnis (Einseitigkeit)

_ Partnerschaftlich-komplementäres Verhältnis (Gegenseitigkeit)

_ Beziehung ist Mittel: Ziele sind Wissensvermittlung, Kompetenzerweiterung, Verhaltensnormierung bei einem Part

_ Beziehung ist Selbstzweck: Ziel ist  Erhaltung/Vertiefung für beide Partner

_ Abgesichertes Verhältnis (Verträge mit Eltern/Institutionen, Verhaltens- und Erwartungssicherheit)

_ Prekäres Verhältnis („ganz normales Chaos der Liebe“)

_ Aufkündigung der Beziehung verlangt Gründe (außerhalb ihrer selbst)

_ Beziehungsabbruch jederzeit möglich

_ Orientiert auf Defizitausgleich, Entwicklung

_ Orientiert auf Anderssein

_ Festschreibung des Machtgefälles (Sanktionsgewalt)

_ Verflüssigung des Machtgefälles („Machtspiele“, Diversifizierung)

Abb2 Kontaktebenen : institutionell - privat

Legenden

Beide Partner leben in verschiedenen Umwelten zugleich, in die sie ihre Kontakte einbringen oder nicht einbringen (vgl. Abb.1). Sie können sich ja nicht völlig verbergen. Also müssen sie sagen und zeigen, was sie zusammen sind/ nicht sind.

These 4: Unser „kulturelles Loch“: Rein private Beziehungen zwischen Kindern/Minderjährigen und Erwachsenen sind begriffslogisch nicht möglich. Reale Beziehungen zwischen Pädos und Jungen/Mädchen bedürfen einer Legende.

Legende = Verschleiernde Rollenzuordnung - (quasi-)familiär oder (quasi-)pädagogisch - notwendig gegenüber der Umwelt?

 

Coming-Out
(Leitfragen)

1. Welchen Stand habe ich heute? Lose Kontakte - reale Hoffnung / keine Hoffnung / reale Erfahrung

2. Bin ich mir sicher, Bl/Gl zu sein und leben zu müssen - und warum?

3. Wann habe ich begonnen, aktiv als Bl/Gl zu leben - wie sieht das zurzeit real aus? Welches ist mein größter Zwiespalt zurzeit - welches meine größte Angst?

4. Welche sind meine inneren Zweifel, dass das überhaupt lebbar ist, sein könnte, jetzt und hier?

5. Wünsche ich mir eigentlich auch eine eigene Familie?

6. Würde ich Hilfe therapeutischer Art oder persönliche Beratung wollen beim Coming-Out, wenn ich einen geeigneten Therapeuten wüsste? Habe ich da schon positive/negative Erfahrungen?

7. Habe ich Erfahrungen eines aktiven Sex-Lebens als junge/Jugendlicher? Kann ich daraus Schlüsse ziehen für meinen Beziehungswunsch und seine Realisation?

8. Wer weiß über mich Bescheid? Wie ergeht es mir mit dem Verschweigen? - Fragen nach Partnerin/Freundin/Ehe - Familie?

9. Bin ich "vorbereitet" auf eine Beziehung (eigene Wohnung, Beschäftigungsmöglichkeiten, Ideen, was ich mit einem Jungen/Mädchen zusammen erleben will)?

10. Wie lange lebe ich schon allein und ohne Beziehung? Wie wirkt sich das bei mir aus - Gegensteuerungen, Selbstsorge?

11. Welche Legenden biete ich an in meiner Umwelt? Bereite ich sie vor auf eine evtl. Beziehung - wie mache ich das?

12. Frage zur Selbsteinschätzung: Widerstände beim Coming-Out

Die zu bewältigenden Widersprüche und Probleme bei einem vollen coming-out liegen mehr innen als außen

Mit mir und meinem Bl/Gl-Sein-Müssen bin ich im Reinen. Nur die äußeren Bedingungen machen mir ein Leben als Bl/Bl unmöglich


13. Frage zur Selbsteinschätzung: Handlungsalternativen

Zuförderst will ich ein volles Leben als Bl/Gl entwickeln und leben, ein bisschen Kraft auch für Veränderungen einsetzen. Die Strafdrohung nehme ich real in Kauf - darauf bin ich vorbereitet

Ich bemühe mich um Kontakte/Beziehungen. Auf "Strafbares" dabei verzichte ich solange, wie die Gesetze so sind, wie sie sind - und mache ein wenig mit bei Versuchen der Veränderung

Erst müsste sich sich die Gesellschaft ändern, dann könnte man/ich voll als Bl/Gl leben - vorher eher nicht. Also zuförderst will ich was ändern, z.B. die Öffentlichkeit aufklären

 

Literaturempfehlungen

Zur Soziologie der Pädophilie:

Hoffmann, Rainer. (1996). Die Lebenswelt der Pädophilen: Rahmen, Rituale und Dramaturgie der pädophilen Begegnung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Lautmann, Rüdiger. (1999). Das Szenario der modellierten Pädophilie. In Katharina Rutschky & Reinhard Wolff (Hrsg.), Handbuch Sexueller Mißbrauch (S. 182-198). Reinbek: Rowohlt.

Plummer, Kenneth. (1981). Pedophilia: Constructing a Sociological Baseline. In M. Cook & K. Howells (Hrsg.), Adult Sexual Interest in Children (S. 221-250). London: Academic Press.

Zur »reinen Beziehung«:

Giddens, Anthony. (1993). Wandel der Intimität. Sexualität, Liebe und Erotik in modernen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Fischer.

Zum Begriff der »Begegnung von Gegnern«:

Dörner, Klaus, Plog, Ursula, Teller, Christine & Wendt, Frank. (2002). Der sich und Andere liebende Mensch. In: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie (S. 125-148). Bonn: Psychiatrie-Verlag.