![]() |
|
|
Weißes Blut : Erzählungen / Walter Foelske.– Köln: Trotz, 2002.– [295] pp. 22 cm.– ISBN 3-8311-3913-X besprochen von Sakura
»Weißes Blut« von Walter Foelske enthält 12 Erzählungen aus den Jahren 1981–2002. In ihrer Stimmung sind sie extrem unterschiedlich, man könnte sie grob unterteilen in humorige und ernsthafte Erzählungen, wenn diese plakative Charakterisierung den Werken gerecht werden könnte, denn die Komik ist in den Erzählungen, da wo sie erscheint, dick aufgetragen, und vordergründig übersteigert. Gleich der erste Text, »Tote«, erscheint als gequälte Komödie, wenn ein altes Paar sich beim Friedhofswärter darüber beschwert, daß ein Aids-Toter neben ihrem Sohn bestattet ist. Die beiden alten Leute präsentieren sich den ganzen Text hindurch als dermaßen verschroben, daß die Pointe vorhersehbar ist, als sie endlich mit ihrem Anliegen herausrücken. Auch in anderen komisch gemeinten Erzählungen fällt die Reduktion der meisten Akteure zu stereotyp handelnden, auf wenige oder eine einzige Eigenschaft beschränkten Personen auf. Dieses Merkmal steht schon in der älteren Erzählung »Der Keller« im Vordergrund. Dies ist ein eher politischer Text, der in heiterem Ton die Geschichte der Unterdrückung eines Schwulen beschreibt, welcher seit seiner Kindheit in einem Haus mit vielen neugierigen und natürlich viel anständigeren Mietern lebt. In »Das Konzert« wird die burleske Komik auf die Spitze getrieben, als die Zuschauer durch unvorhergesehene Zwischenfälle plötzlich zu Akteuren werden, die auf nervtötende Weise sich selbst darstellen. In der neuen Erzählung »Im Container« schließlich werden alle Teilnehmer entweder zu Exhibitionisten oder Gaffern – eine fast glaubwürdig reale Satire über die Medienlandschaft. Läse man allein die Erzählungen, in deren Vordergrund ein komisches oder satirisches Moment steht, so wäre man verwundert über die meist simplen Charaktere, die weit unterhalb der Möglichkeiten von realen Menschen agieren und deren Verhalten vorhersehbar bis stereotyp ist. Man hätte als Gegenpole die Realsatire »Im Container«, wo die Aggression der Menge sich am Schluß plötzlich entlädt und die erst neugierig begaffte Person zum Schluß wie eine alte Zeitung auf den Müll befördert wird, und »Der Keller«, wo langsam und subtil eine bedrohliche Atmosphäre sich aufbaut. Von ganz anderer Art ist die als »utopische Schmonzette« bezeichnete Erzählung »Nachhilfe«, eine Geschichte der Beziehung eines Schülers mit seinem Nachhilfelehrer, vorsätzlich kitschig im Stil einer schlechten Hetero-Romanze gehalten und mit aufdringlichem Happy-End. Es ist die zweitälteste Erzählung des Buches. Für sich allein unbedeutend, zeigt sie in einmaliger Klarheit das bewußt Gezwungene des Humors von Walter Foelske: Man möchte es komisch finden, ahnt aber schon den Abgrund hinter der komischen Fassade. So wie die Utopie dargestellt wird, kann es niemals ablaufen. Einen starken Kontrast zu den komischen Erzählungen, die das Potential der Handlungsmöglichkeiten von Menschen fast gar nicht ausschöpfen, bilden die übrigen Texte, die auf ihre Weise jede eine Obsession zum Thema haben. Aus dieser Obsession entfaltet sich jeweils ein reich differenziertes Leben und Erleben, dessen gnadenlose Logik den Protagonisten in seiner eigenen, hermetischen Welt gefangen hält. »Auf Messers Schneide«, ein neuer Text, fällt zunächst durch seine Nüchternheit auf. Ort und Personen werden kaum skizziert, dafür steht eine Handlung im Vordergrund, die einer einzigen diktatorischen Notwendigkeit folgt: Weishaupt muß unter allen Umständen verhindern, daß ein massiver sexueller Übergriff zweier älterer Jugendlicher gegen zwei Jungen bekannt wird. Er vermittelt einen Ausgleich, eine Art symbolischer Vergeltung, die eine Anzeige bei der Polizei gerade noch verhindern kann. Diese hätte eine Reihe wirklich bodenloser Tatsachen auffliegen lassen . . . »Schattenwelt« ist die erste, nicht datierte Erzählung in diesem Band, die völlig der psychologischen Eigengesetzlichkeit der Hauptperson folgt: Der schwule Roderich steigert sich in einen Wahn hinein, mit ähnlich ausgeschmückten Phantasien wie sie auch in »Nachhilfe« dargeboten werden, hier aber mit tödlicher Logik. Der Wahn wird erst zum Schluß als absichtliche Negation der realen Welt erkennbar, die Roderich dann nur noch aus dem Kopf geschlagen haben will, ganz real von einer Horde betrunkener Vandalen mit Knüppeln. Ganz anders endet »Der Stein«, eine Geschichte, die Bekker an den Rand des Abgrunds führt. Auch er verliert nach und nach jeden Bezug zur Wirklichkeit. Bekker ist pädophil, er fotografiert heimlich Jungen und nimmt auf ungewöhnliche Weise Kontakt mit ihnen auf. Als es ihm endlich nach einem psychischen Zusammenbruch gelingt, sich selbst dazu zu bekennen, fällt er ins andere Extrem: Er fühlt sich plötzlich von allen akzeptiert, als er an einem Straßenfest teilnimmt und versucht, Kontakt mit einem Jungen aufzunehmen, der ihn aber niederschlägt. In der Nacht darauf wird ein Stein in sein Fenster geworfen, den er aufbewahrt und den täglich anzusehen er sich zwingen muß. Zum Schluß, mit sich selbst endlich zufrieden, beginnt er wieder auf die selbe Weise wie früher mit Jungen Kontakt aufzunehmen und seinen Favoriten zu fotografieren. Ein problematisches Ende, denn die Bilder ersetzen keine Wirklichkeit. Ob die Kontakte auch in reale Beziehungen einmünden, bleibt offen. Es ist trotzdem die optimistischste Erzählung des Bandes, denn Bekker ist sich über seine Empfindungen im Klaren und die Reaktionen seiner Umwelt darauf sind für ihn keine Bedrohung mehr. Auch »Im ersten Morgenrot« ist optimistisch: Sie handelt von der sadomasochistischen Beziehung eines Mannes, Kattwitz, zu einem Jungen, die beschrieben wird in Gestalt der Schreibversuche des Kattwitz: Eine sehr originelle Perspektive, denn das von Kattwitz Geschriebene wird nicht einfach zitiert, sondern der Leser erlebt mit, wie Kattwitz nach den angemessenen Worten ringt und immer wieder in einer Art Wortfetischismus dauernd zu den gefundenen Begriffen zurückkehrt und sie neu anordnet, als läge im Geschriebenen oder im Klang der Worte das Wesen dessen, was Kattwitz erlebt. Die 16mal im Text erwähnte grüne Kladde wird selbst zum Fetisch: Eine immer wieder beschworene Chiffre dessen, was er ihr anvertraut. Eng miteinander verwandt sind »Arno oder die Verwilderung« und »Weißes Blut«, beides Erzählungen, deren Protagonist zu Grunde geht nach einem exakten Plan: Arno, der Fettfetischist, der hinter einer spiegelnd glänzenden Oberfläche völlig zu verschwinden und doch mit allem was sich an dieser Oberfläche spiegelt, identisch zu werden versucht, endet durch seine selbstmörderische Lebensweise, und Kelter der unfähig zu jeder Art Leidenschaft ist, findet den letzten Kick, den er mit surrealistischer Besessenheit sucht, erst in seinem eigenen Tod. Die letzte kurze Erzählung, »Fremde« von 1981, ist eine wegen des veralteten Stils heute schwer verständliche Episode aus dem Leben eines Schriftstellers, die noch wenig vom Format der stärksten Texte ahnen läßt. W. Foelske läßt sich bei der Schilderung des Wahnsinns nie treiben, seine extremsten Geschichten sind von logischer Stringenz. Er geht der Besessenheit seiner Hauptfiguren nie selbst auf den Leim, sondern die absurdeste Handlung folgt einer gnadenlos logischen Linie. Im Labormaßstab analysiert er in den besten Geschichten »Schattenwelt«, »Arno«, und »Weißes Blut« die in den Untergang führende, verleugnete aber immer präsente Leidenschaft. »Weißes Blut« ist, so verrät es ein einleitender Text, die Vorstufe zu einem bereits erschienenen Roman. Diese Einleitung wäre überflüssig gewesen, denn sie klingt nach einer Entschuldigung für die Nachteile der Erzählung gegenüber dem Roman. Diese ist aber ganz unangebracht, denn die Erzählung trägt sich in jeder Hinsicht selbst und ist wie »Schattenwelt« Maßstab für die anderen Texte.
| |