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Jenseits des Tales : Roman / Reinhard Knoppka.– Köln : Trotz, 2002.– 501 pp. 22cm. – ISBN 3-8311-3008-6 besprochen von Sakura
»Mäander« war der Arbeitstitel des dickleibigen Werkes, das wie ein oft die Richtung wechselnder Strom, durch seine radikal authentische, spontane und flüssige Sprache den Leser mitreißt – abwärts, der Schwerkraft folgend, die auch Luz, den Helden des Romans, unentrinnbar im Griff hält. Anders als dieser kann der Leser aber Pause machen, durchatmen und sich festhalten, bis er wieder in den Sog des Buches gerät, dessen Handlung weniger eine solche ist, sondern ein Treibenlassen, dem Luz hoffnungslos ausgeliefert ist. Der teils autobiographisch geprägte Roman beschreibt das Leben des Luz als Rückblick in Episoden, die nicht chronologisch geordnet sind: Von der Geburt als unerwünschtes Kind, das bald in ein Heim abgeschoben wird, bis zum als Altenpfleger jobbenden Alkoholiker über verschiedene Stationen, in denen allen die Suche nach etwas als Leitmotiv auftaucht, das durch seine radikale Abwesenheit auffällt: Luz sucht Erfüllung in einer Beziehung, gleichermaßen sexuell wie emotional. Dabei wird er als isolierter Pädophiler immer wieder mit den Normen seiner Umgebung aneinander geraten, die ihn in seiner Kindheit und Jugend in einer katholischen Schule besonders bedrängen. Sexualität kann nur heimlich ablaufen, sie bleibt bis zur letzten Zeile der Handlung Schmutz, assoziiert mit Fäkalien, Schuldgefühlen und der Furcht vor Strafe. Die einzige Idee einer darüber hinaus gehenden Beziehung erscheint in der Schülerin Birgit Jasmin, die tragischerweise nur durch ihre große Entfernung von Luz zu einem Leitstern wird und daher nicht durch seine untrennbar mit Schuld verbundene Sexualität verunreinigt werden kann. Birgit Jasmin ist die Abtrennung aller emotionalen Erfüllung von der Sexualität. So wie Birgit Jasmin sich nach einer Episode wieder verflüchtigt, verschwindet auch die Idee der nicht mit Schuld verbundenen Liebe. Beides taucht im Leben des Luz nie wieder auf. Danach wird jeder Beziehungswunsch auf Sexualität reduziert, die schließlich zur Obsession wird. Wechselnde sexuelle Kontakte mit Mitschülern, später auch anderen Jungen und Jugendlichen können das Gefühl der Verworfenheit um so weniger betäuben, als sie immer hastig, mit der Angst vor Entdeckung vollzogen werden. Genau so regelmäßig erscheint die Strafe als Verdammnis und Ausgeschlossenheit in Bildern, die an die Malerei von Hieronymus Bosch erinnern: »Schwarze Splitter« als Vision der Hölle, denen die erzählte Realität kaum nachsteht. Menschen, mit denen Luz zu tun hat, erscheinen als Kreaturen der Unterwelt, nur geschaffen, um ihn anzuekeln und so für seine Schuld zu bestrafen. Frau Zilp ist das abstoßendste aber nicht einzige Beispiel für diese Erniedrigung und selbst ihr Tod kann Luz nicht erleichtern, sondern verursacht nur neuen Ekel und neue Schuldgefühle. Sexuelle Kontakte hat er als Junge auch mit einem Geistlichen, Präses Nientied, vor dessen Körper sich Luz ekelt, der aber durch seine geistliche Autorität das Schuldgefühl betäubt und dessen regelmäßige Übergriffe zunächst als Ritual erlebt werden. Durch ihn verschiebt sich jedoch die Quelle der Schuldgefühle von der äußeren Autorität auf das eigene Gewissen, was diese um so quälender macht. Dieser Hölle gegenüber stehen Menschen, die tatsächlich an Luz interessiert sind und mit denen eine Beziehung möglich gewesen wäre: Silke, die ihn in ein sexuelles Abenteuer verwickelt, das zwar nicht mit Angst verbunden ist, aber ihn als Pädophilen nicht befriedigen kann, bleibt Episode, nur um hier und da als Alibi erwähnt zu werden. Die reifste und stabilste Freundschaft mit einem anderen verkörpert Karasch, der Luz aus seiner Isolation und seinem Alkoholismus befreien kann. Diese Beziehung ist nichtsexuell – und bleibt deshalb merkwürdig ambivalent. Karasch ist derjenige, der Luz verändert, sogar rettet, aber Luz begegnet diesem Menschen nicht mit Wärme, zu der er nicht fähig ist, sondern diese Freundschaft hat den Charakter eines Ereignisses, das mit Luz geschieht. Beide stützen sich auf einander, aber Luz ist der eindeutig Schwächere, der von der Beziehung profitiert. Die Abwesenheit von Sex läßt Luz diese wesentliche, rettende Begegnung nur als Zufall erleben. Karasch erhält keinen Dank, er bleibt im Hintergrund, vor dem sich die sexuellen Kontakte mit Jungen aus der Nachbarschaft als Pseudorealität abheben. Kann es in so einer Existenz eine Perspektive geben? Wohin mäandert der Roman? Auf der Zeitachse kann es nur abwärts gehen: Es bleibt offen, ob durch Karasch der Untergang aufgehalten oder nur verschoben wird. Aber gegen Ende des Romans erscheint plötzlich ein Lichtblick, der aber nur Vergangenheit ist. Happy Jack als Symbol des Dazugehörens: In einem Jugendheim wird mit fremden und bis dahin als bedrohlich empfundenen Jungen gemeinsam onaniert. In der als archaisches Ritual erscheinenden Szene ist die sexuelle Erfüllung dabei völlig nebensächlich, und zwar zum ersten und einzigen Mal im gesamten Text. »Es« gelingt, und damit wird Luz für ein paar Tage zum Mitglied einer Gemeinschaft. Nur dieses Dazugehören stiftet für ihn einen Gegensatz zum im ganzen bisherigen Text durchgehaltenen Gefühl der Verdammnis, des schuldhaften Ausschlusses von jeder Gemeinschaft. Dies Kapitel ist das eigentliche Happy-End, ein kleiner Höhepunkt irgendwo im Leben, der nie wieder erreicht wird. Wie zur Strafe folgt darauf eine Sammlung von Höllenvisionen. Damit könnte der Roman zu Ende sein. Mit einem Kunstgriff gelingt es Reinhard Knoppka aber, dem Roman ein synthetisches Ende aufzupfropfen, das erkennbar nicht mehr Teil der Handlung ist, die sich bereits in Höllenvisionen rettungslos verlor. Mit eingeflochtenen Rückblicken wird das Romanprojekt »Mäander« geschildert. Was dieses vorletzte Kapitel vom eigentlichen Roman abtrennt ist das klare Bewußtsein, daß Luz anders ist, diesmal aber nicht mit Schuldgefühlen verbunden, sondern mit einem neuen Selbstbewußtsein. Dieser Luz ist ein anderer als der Romanheld: Er nutzt die Unterschiede zu den »normalen« Menschen zur Entwicklung eines eigenen pädophilen Selbstbewußtseins. Das kontrastiert so stark mit dem gesamten Romantext, daß der Retter am Schluß nur noch augenzwinkernd als Deus ex machina präsentiert wird: Ein zwölfjähriger Junge, mit dem Luz, der bis dahin Beziehungsunfähige, eine gleichermaßen sexuell und emotional erfüllte Beziehung lebt. Plötzlich ist er da und beseitigt alle Leiden. Diese sauberen Konstruktionen in einem nur scheinbar unsystematisch und durcheinander erzählten Leben entschädigen für einige stilistische Unsicherheiten. Der Roman fließt in einer gut lesbaren Sprache dahin. Die oft sehr langen Sätze werden lesbar durch eine einfache gramattische Struktur. Knoppka hat einen Roman abgeliefert, der trotz seiner erschreckenden Seitenzahl – Marcel Reich Ranicki sagte einmal, ein Roman über 200 Seiten könne in deutscher Sprache nicht mehr geschrieben werden – an keiner Stelle langweilig wird, auch wenn die überdeutlich geschilderten Scheußlichkeiten, die Luz ertragen muß, Nerven und Magen des Lesers manchmal arg strapazieren. Das Jammertal, jenseits dessen ein neues Leben in Selbstakzeptanz und ohne Angst wartet, hat Luz nie mehr verlassen können – Reinhard Knoppka dagegen schon. Ein Jenseits, das er in ironischer Brechung als das vorführt, was der Protagonist niemals erleben wird. Jenseits des Tales – ist da nichts als der unerfüllte Traum vom Happy-End? Wir wollen es nicht hoffen.
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