Das Protokoll, M. G. Dekadon, Kontrast

Autor M.G. Dekadon hat für sein mutiges Buch die Form eines Theaterstückes gewählt, wobei erzählende Elemente mit einfliessen. Inhalt dieses düsteren Kammerspiels ist ein Strafprozess, der auf einer wahren Begebeneheit beruht.

Der zweite Teil des Buches ist fiktiv und entwirft ein Szenario in dem es möglich ist, einen kriminell und menschenverachtend agierenden Richter zur überführen und zur Verantwortung zu ziehen. In diesem Prozess geht es um vermeintlichen "sexuellen Missbrauch" und ein überführter "Kinderschänder" soll vorgeführt, gedemütigt und abgeurteilt werden. Die dahinterliegende Geschichte ist jedoch eine andere; Es geht um eine Liebebeziehung zweier homosexueller Menschen, nur dass der Eine (Jannings) ein erwachsener Mann ist, während es sich bei dem Anderen (Marc) um einen 13 bzw. gerade 14 jährigen Jungen handelt. Genötigt durch seinen Vater hat der Junge Anzeige gegen seinen Freund erstattet. So nimmt ein entsetzlicher Schauprozess seinen Lauf. Mit ausgefeilten psychologischen Mitteln nimmt M. G. Dekadon die Beteiligten des Verfahrens insbesondere den erzkonserativen Richter Armadeck und die feministische "Sachverständige" Urla Waldt auseinander. Dem engagierten Verteidiger Becker in den Mund gelegt; werden die wahren Motive dieser Personen nach und nach ans Tageslicht geführt. Dieser gibt sich später als Ermittler des Justizministeriums zu erkennen, dessen Aufgabe es ist Richter zu überführen, die Gesetze missbrauchen um Menschen existenziell oder sogar physisch zu vernichten. Das der Hofnarr der Vorrede den Part des Staatsanwaltes Bendt übernimmt spricht für sich. Im Laufe der Geschichte wird die Blutspur deutlich, die der fromme CSU Richter hinter sich her zieht. Getrieben von einer zwanghaften Homophobie hat er immer wieder Homosexuelle zu hohen Haftstrafen verurteilt und/oder mit perfiden Mitteln in den Selbstmord getrieben, selbst ein Juristenkollege hat aufgrund Armadecks widerlicher Intrigen den Freitod gewählt. Allein wegen seiner Homosexualität wird der Junge Marc von dem Richter im Prozess bloßgestellt und gedemütigt. Im Grunde ist es Marc, den der Richter verurteilt. Die hohe Haftstrafe, die er gegen Jannings verhängt, soll dem Jungen eine Warnung sein und ihn dazu bringen seine eigene Homosexualität "abzulegen". Am Ende wird das Verfahren zwar für ungültig erklärt, aber sowohl Jannings als auch Marc bleiben tief gedemütigt zurück. Jannings erschiesst sich auf der Toilette...

Das gut und spannend zu lesende Buch (trotz einiger sehr langen Monologe) gehört sicherlich zu dem wichtigsten Veröffentlichungen zu diesem Tabu-Thema in den letzten Jahren. Klar und deutlich und auf Tatsachen basierend wird ausgesprochen, was ausgesprochen werden muss! Dieser Staat ist kein Rechtstaat und Teile der Justiz agieren vorsätzlich menschenverachtend bzw. vernichtend und damit mit (durchaus) krimineller Energie. M.G. Dekadon rückt einen Teil der deutschen Justiz in die Nähe ihrer faschistischen Vergangenheit und erklärt gezielte Subversion unter zwingenden Umständen zur Tugend. Folgendes Zitat verdeutlicht dies: "...Aber der einzige Unterschied, den ich persönlich erkennen kann, ist dass ihr keine Bomben aufs Parlament schmeisst und es euch bei Ausländern, Homosexuellen, Kommunisten spart, sie nicht gleich reihenweise umzubringen. Das schien euch richtig unchristlich! Ansonsten ist euch jede Hetzjagd recht! (S.286)

Dekadon führt dem Leser deutlich vor Augen, was passiert, wenn sich die faschistisch-konserative Tradition deutscher Justiz mit wahnhaften Ideologien, wie Christentum und Feminismus vereint. Das Ergbniss ist eine tödlich giftige übelriechende mörderische Brühe....(An Richter Armadeck gerichtet) "Ja haben Sie auch nur einen b l a s s e n Schimmer von moralischen oder ethischen Prinzipien? Von den Aufgaben ihres Amtes? Einer eigenen unabhängigen Moral, von dem Vertrag, den Sie mit uns geschlossen haben, und der Sie zur Unparteilichkeit v e r p f l i c h t e t ? - Haben sie in Ihrem verschissenen kleinen Spießerleben auch nur einmal z e h n verpisste Sekunden darüber nachgedacht, welchem Denkfehler Sie da seit dreißig Jahren aufsitzen!"(S. 234)

Auch wenn es nicht unbedingt dreißig Jahre sein müssen, aber es gibt nicht wenige Juristen im Staatsdienst in diesem Lande, die sich diese Frage gefallen lassen müssen und über eine ehrliche Antwort nachdenken sollten...